Contemporary

Raum // Donoghue [Rezi]

Hoffentlich fragt niemand, ob mir das Buch gefallen hat. So ein Buch ist einfach nichts, von dem ich sagen würde, dass es mir gefallen kann. Es ist aus professioneller Sicht extrem gut geschrieben, dramaturgisch herausragend und definitiv ein Text, von dem auch ich sagen kann, dass ich noch nie so etwas gelesen habe. Bedenken, dass man in die Sprache dieses Fünfjährigen, der seine Geschichte erzählt, nicht hineinfindet, braucht man nicht haben. Schon nach wenigen Seiten ist man mittendrin und kann problemlos folgen. Aber das Thema ist Hardcore. Beim Lesen habe ich mich immer wieder erwischt, wie ich einen professionellen Blick einnehme, um Abstand zu gewinnen. So nah zieht die Autorin einen hinein an bzw. in diesen Horrortrip, so nah an diesen sehr eigenartigen Jungen, der außerhalb der Gesellschaft aufgewachsen ist. Dabei zieht dieser Junge mitunter total clevere Schlussfolgerungen und sollte als das Opfer und mit seiner Tapsigkeit eigentlich unser Herz erobern.

“Mir fällt auf, dass die Person in der Welt fast immer gestresst sind und nie Zeit haben. Sogar Grandma sagt das ganz oft, dabei müssen sie und Stiefpa überhaupt auf keine Arbeit, deshalb weiß ich gar nicht, wie die Personen mit Arbeit ihre ganze Arbeit schaffen und das Leben auch noch. In Raum hatten Ma und ich Zeit für alles. Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin, über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks davon, und alle müssen schnell weiter zum nächsten.“ S/366

Aber Jack bleibt merkwürdig und seltsam fremd. Liegt es daran, dass er gesellschaftsfern aufgewachsen ist und kaum Liebe für das empfindet, was er nach seiner Befreiung neu entdeckt? Ist es nur die Tatsache, dass er ganz grundlegende Regeln nicht kennt, die Welt null versteht? Wie merkwürdig und schräg ist seine Mutter eigentlich? Am Anfang wird das alles gar nicht so sehr auf, aber diese Fragen werden immer stärker. Auch hier muss man wieder sagen: meisterlich erzählt, meisterlich den Text so gestaltet, dass das Unbehagen wächst.

Aber was bewegt eine Autorin, so etwas zu schreiben? Darüber habe ich lange nachgedacht. Ich glaube, rein erzählerisch liegt der ganz große Reiz darin, diese Figur zu formen, denn Jack ist fast völlig gesellschaftsfrei aufgewachsen. Er kennt ganz grundlegende Regeln nicht, versteht die Welt überhaupt nicht. Er muss alles von vorne an neu lernen. Und anscheinend war auch seine Mutter sehr eigenartig. Am Anfang ist es gar nicht so sehr aufgefallen, später wird es aber immer deutlicher.

Besonders einprägsam in diesem Zusammenhang war das Interview, dass die Mutter der Presse gegeben hat und wo die Journalistin fragt, wieso sie nicht darum gebeten hat, dass Jack zur Babyklappe gebracht wird. Man hat zwar auch das Gefühl, als würde sich die Mutter zu einfach in diese Situationen begeben, zu wenig kämpfen, aber diese Option macht die Autoren gedanklich erst durch die Journalistin auf.

Kurz vor Schluss des Buches wünscht man sich dann langsam ein Ende und fragt sich gleichzeitig wie das enden kann, denn die Figuren haben weiterhin einen wahnsinnig langen Weg vor sich. Und da schafft es Emma Donoghue, den perfekten Ausstieg zu finden. Man kann als Leser aus dem Buch rausgehen und ist fast ein wenig mit diesem Drama versöhnt.

Harter Stoff, aber absolut lesbar!

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Fakten

Emma Donoghue
Raum
Übersetzt von: Armin Gontermann
416 Seiten
ISBN: 978-3-492-30129-9
Verlag: Piper

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