Contemporary

Midleifcrisis

117 Einzelgedanken – das Buch ist so ambivalent und facettenreich, dass es mich mit einem Kopf voll Fragen, Ideen und Grübeleien zurückgelassen hat. Und was das Schönste war: Eine zeitlang erinnert die Geschichte einen doch tatsächlich an „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez. Bis ich LeiLas (Leif Lasses) Geschichte gelesen habe, habe ich mich zwar nicht gefragt, wie Marquez‘ Klassiker in ein Nachmillenium-Jahr nach Deutschland versetzt mit einem Werbefuzzi als Hauptfigur sein würde, aber voilà, so muss es wohl sein.

Was noch gut ist und spontan zur Geschichte einfällt: Das Buch gibt tiefe Einblicke darin, wie Onlinedating läuft und was in einem Kerl vorgeht (oder vorgehen kann). Es ist spannend, wie sich die Handlung steigert, ein Abenteuer das andere jagt. Man hat keine Ahnung, wofür LeiLa sich entscheiden wird – denn er steht zwischen den Stühlen mit den Facetten seiner Persönlichkeit. Es geht nicht einfach nur ums Vögeln. Das kann man zeitweise zwar durchaus versucht sein zu denken, aber es ist mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Eroberungen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der durch eine Krise rast.

Doch je weiter man liest, tauchen immer häufiger Fragen auf und fängt Leif an zu nerven: Wieso macht er Wichtiges so klein – zum Beispiel seine emotionale Seite, er nennt sie „den Kleinen“. Erst ist das Kleinmachen nicht so schlimm, wird aber schlimmer, je schlechter es dem Mann geht. Macht er das nur, weil er Schiss hat – vor Gefühlen, vor Einsamkeit, vor einem Blick in sich? Wie kann man sich das auf Dauer antun, wenn man auf der anderen Seite so tief fühlen und träumen kann?

Kurz vorm Ende bin ich schlagartig der Meinung, dass LeiLa doch eine große Enttäuschung wird. Alles Nette in ihm ist so weit weg – Leif hatte alle Möglichkeiten und hat sich einfach für den bekloppten Weg entschieden. Und dann: Plot-twist. Es wird immer noch nicht richtig gut und der Typ spinnt einfach, aber zumindest schafft er es, einen doch noch mal zu irritieren, einen mit einem Stirnrunzeln zurückzulassen und dann vielleicht auch mit einer Spur Hoffnung, dass er doch kein Arschloch ist, egal wie oft er es noch von sich behauptet.

Fazit: Bei all dem oberflächlichen Kram, der auch in dem Buch steht, bei all den Momenten, in denen man sich über Macho LeiLa ärgert oder auch von den sich wiederholenden Konsequenzlosigkeiten LeiLas gelangweilt ist – das Buch macht Welle im Kopf. Du denkst nach. Und das ist das, was ein gutes Buch schafft. Also Herr Autor, herzlichen Dank für ein sehr gutes Buch.

Klappentext (Quelle: Riva)

Gar nicht so einfach, eine Frau zum Lieben zu finden. Oder wenigstens ein paar Frauen zum Vögeln! Leif Lasse Andersson, nach zehn Jahren Ehe ein wenig aus der Übung gekommen, irrt als frisch getrennter Single durch die Flirtbörsen des Internets und stellt fest, dass der Weg in die Herzen und Betten der Frauen kein leichter ist. Dummerweise muss er auch noch damit klarkommen, dass in ihm zwei völlig gegensätzliche Persönlichkeiten wohnen: der sexhungrige Macho und ein kleiner Junge, der sich nach Liebe sehnt. Mit der Zeit begreift Leif die Gesetzmäßigkeiten des Internet-Datings. Er trifft auf Silikontitten, landet bei einer Sado-Maso-Braut und gerät sogar an eine Frau, die ihn für Sex bezahlt. Doch auch er muss erkennen, dass Vögeln allein nicht glücklich macht. Ein offenherziger Selbsterfahrungsbericht, der tief in die – gar nicht so einfach gestrickte – Seele eines Mannes blicken lässt.

Info

Leif Lasse Andersson
Midleifcrisis – Als meine Frau mich hinauswarf und ich mit 117 anderen schlief
Riva Verlag
Softcover, 272 Seiten: ISBN 978-3-86883-300-3
E-Book, EPUB: 978-3-86413-332-9

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