Contemporary Kurzprosa

Der Lauf des Lebens

Der erste Schultag, der erste Kuss, die erste eigene Wohnung, der erste Arbeitstag – Mona Jaeger schreibt in „Der Lauf des Lebens“ das, was der Untertitel ankündigt: „Geschichten vom Menschsein“. Das was an Station im Leben als wichtig definiert wird, wird in kurzen Prosastückchen angerissen und ausgemalt. Es ist wenig, was da überrascht, die Geschichten erzählen alltäglich von Situationen, die Jede und Jeder kennt.

Allerdings ist die Sprache überraschend: teilweise überraschend alt. Ich schaue noch einmal extra nach, wer die Autorin ist, wann wurde sie geboren (das Bild zeigt eine junge Frau), für wen schreibt sie (angekündigt wurden Journalistenpreise und renommierte Zeitungen). Man wird schnell fündig, sie hat bis 2016 ein Volontariat bei der Frankfurter Allgemeinen gemacht. Das deutet dann auch die Antwort auf die zweite Frage an – hat sie selbst schon Kinder, wahrscheinlich eher nicht.

Aber wie zur Hölle hat sie einen ersten Schultag erlebt, aus welcher Perspektive? Denn das, was im Buch über den Schulanfang zu lesen ist, wirkt nur wie eine Außenperspektive, eine fremde Beobachterin beschreibt. Distanziert, kühl. Emotionen werden unnachspürbar angerissen. Es klingt das wie die Erinnerungen einer Erwachsenen oder das, was jemand denkt, wie der erste Schultag ist.

Als Mutter habe ich bisher kein Kind erlebt, dass in der ersten Klasse zu faul zum Lernen war. Oder keinen Pubertierenden der Dinge sagt wie:

„Du hast bei der Party deine Kappe vergessen. Ich habe sie mitgenommen. Ich muss jetzt noch in die Stadt, aber wenn du willst, kannst du nachher vorbeikommen und sie abholen.“ S/47

Das wirft auch die Frage auf, ob es heute, 2017 noch Teenager gibt, deren Name Kathrin ist? Müssten sie nicht Charlotte, Johanna, Michelle, Marie, Julia oder vielleicht noch Katharina heißen?

„Die Befürchtungen der Eltern waren unbegründet, Anna ging überaus gerne in die Schule. Und offensichtlich war Stefan einer der Gründe dafür. Anna erzählte viel von ihm und bald wollten die Eltern ihn auch einmal kennenlernen. Sie luden ihn mittags zum Spielen ein. Stefans Mutter brachte ihn vorbei. Sie war alleinerziehend und hatte noch eine jüngere Tochter. Stefan brachte ein paar Buntstifte und ein Ausmalbuch mit, das er zusammen mit Anna füllen wollte. Annas Mutter sah gleich: Stefan war eines der Kinder, das sich einen Gefährten suchte, und dann für immer an dessen Seite blieb.“ S/34

Wer Abschnitte wie diese mag, wird sich mit diesem Buch sehr wohl fühlen. Es ist ein gutes Menschsein, was hier solide aber eben wenig überraschend erzählt wird.

 

Klappentext (Quelle: Randomhouse/Luchterhand)

Der Lauf des LebensVon Anfängen, Aufstiegen, Abstiegen und vom Ende – kurz: vom Menschsein.

Es gibt Tage im Leben, die haben mehr Gewicht als die Wochen und Monate, die sie umgeben. Es gibt Momente im Leben, in denen die Zeit gleichzeitig stehenzubleiben und zu rasen scheint. Der erste Schultag kann ein solcher Tag sein, der erste Kuss ein solcher Moment. Manchmal mischen sich in solchen Momenten Triumph und Melancholie wie in der ersten Nacht in der eigenen Wohnung, manchmal ereignet sich etwas, das uns verändert, ohne dass es rückgängig zu machen wäre. Manchmal gehen solchen Momenten eigene Entscheidungen voraus, manchmal Eingeständnisse, die den Menschen ohnmächtig machen, manchmal ein unermesslicher Verlust. Sich scheiden lassen, sich eingestehen, dass man unter einer Depression leidet, jemanden begraben, den man liebt. All das sind Momente, die in den Erzählungen dieses Bandes eingefangen sind.

Mona Jaeger erzählt einfühlsam, aber auch ungewöhnlich direkt, ohne jede Sentimentalität und ohne Scheu von all dem, was Leben und Sterben ausmachen kann. Ihre außergewöhnlichen Erzählungen ziehen einen weiten Bogen und verfolgen den Lauf des Lebens von der Geburt bis zum Tod. Mit dem klaren Blick der Journalistin macht sie Schlüsselmomente aus, in denen sich jeder wiedererkennen kann, mit dem ganz eigenen Ton einer vielversprechenden Erzählerin hält sie sie auf eine Weise fest, die einzigartig ist.

Autorin

Mona Jaeger ist 1987 in Offenbach geboren und arbeitete bereits während ihres Studiums der Politikwissenschaft und Germanistik bei der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Inzwischen ist sie Redakteurin der F.A.Z. Ihre Arbeit wurde mit dem Hessischen Journalistenpreis und dem Journalistenpreis des Presseclubs Darmstadt ausgezeichnet.

Fakten

Mona Jaeger
Der Lauf des Lebens – Geschichten vom Menschsein
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 192 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87501-9
€ 18,00 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

 

Bildcredits: Kate Williams via Unsplash

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