Reisen Sachbuch

Couchsurfing im Iran

Ein Schurkenstaat hinter Gardinen und Verboten. Das per Couchsurfing reisend kennenlernen? Natürlich illegal. Wie so ziemlich alles, was in Europa selbstverständlich ist und zur Freiheit dazugehört. Stephan Orth stürzt sich in das Abenteuer Couchsurfing Iran und berichtet zu unserem Lesevergnügen …

Autor Orth ist definitiv ein erfahrener Journalist, das kann man lesen – sprachlich, inhaltlich und auch so, wie das Buch aufgebaut ist. Er lässt uns mitfühlen, wie die Ehefrau sauer ist, dass ihr Mann angeln geht. Erstaunt uns, mit den sehr privaten Einblicken hinter die wohlverschlossenen Fenstervorhänge. Empört, wenn er Liebesbekundungen fremder Frauen erwidert, während seine zu diesem Zeitpunkt vermeintliche Ehefrau anreist.

Das Buch ist lustig und auch dramaturgisch insgesamt ganz gut aufbereitet. Denn wenn ich mich zum Beispiel nach 80 Seiten anfange zu fragen, wie es wäre, als Frau zu reisen – und nicht nur alleine als Mann, kommt eine Frau ins Spiel. Wir dürfen die Perspektive eines Paares einnehmen und erfahren wie es ist, als Frau im Iran zu reisen.

Was mir rein erzähltechnisch aber ein bisschen fehlt, ist ein Ziel. Klar ist die Frage, ob er die ganze Zeit schaffen wird, wie es zu zweit weitergeht etc. Trotzdem sind es irgendwann nicht mehr als aneinander gereihte Episteln. Man möchte lieber selber los und das Land entdecken, versteht die Iraner besser, die man kennenlernen durfte.

Und so, wie es aufgebaut ist, hat man auch das Gefühl, dass in der Konstruktion ziemlich viel erzählerisches Kalkül liegt. Vielleicht ist aber etwas anderes das Problem: Wie man es als Journalist lernt, steigt er mit einem Erdbeben in die Geschichte ein. Doch das ist so gewaltig, dass es nicht durch das ganze Buch fortgeführt werden könnte – es gibt nach der Anekdote über das Sadomaso-Geheimtreffen einen erzählerischen Knick.

Trotz aller Kritik bereue ich dennoch keine Sekunde, dass ich mir das Buch gekauft habe. Ich hatte es mehrmals in der Hand und habe es wieder weggelegt, weil ich weiß, wie schnell mich Reiseberichte und Reiseanekdoten langweilen und ich viel lieber alles selbst erlebe. Doch dann habe ich es mir gekauft, das ist gut so und ich weiß auch schon jemanden, dem ich es unbedingt weitergeben muss …

Übrigens, es gibt viele kleine Zitate, die das Buch sehr gut beschreiben. Selten wie nie fällt es mir schwer, zwischen der Vielzahl von schönen Sätzen, lustigen kleinen Begegnungen und erstaunlichen Witzen auszuwählen. Nur ein etwas längeres Zitat als Beispiel einer langen langen Kette sprachlicher und erzählerischer Erfreulichkeiten:

Orth trifft auf einen Tonkelch im Nationalmuseum:

„auf dem ein Steinbock zu sehen ist, der zu den Ästen eines Baumes hochspringt. Aus fünf Einzelbildern besteht die Szene, wer das Gefäß schnell genug dreht, kann die Bewegung wahrnehmen wie bei einem Daumenkino.

Bei den Oscars 2300 vor Christus hätte ‚Bock frisst Blätter‘ in allen Kategorien abgeräumt, Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller und Spezialeffekte sowieso, außerdem Soundtrack (Ton reibt auf Sandboden) und bester Nebendarsteller (der Baum). Leider gab es die Oscars damals noch nicht. Das kulturelle Geschehen in Deutschland zu der Zeit? Ein paar langhaarige Zausel, die abends in der Höhle von der Jagd erzählten. Die Kulturszene in den USA damals? Nun, Sie verstehen schon.“ S/27

Klappentext (Quelle: Piper)

Eine Bikiniparty in der streng religiösen Stadt Mashhad? Nichts ist unmöglich! Stephan Orth fährt kreuz und quer durch das Land von Khomeini & Co, tauscht Hotel gegen Privatquartier, schläft auf Dutzenden von Perserteppichen, bricht täglich Gesetze, lebt, feiert und trauert mit dem gastfreundlichsten Volk der Welt. Und lernt den Iran dabei von einer ganz anderen Seite kennen. Denn hinter verschlossenen Türen fällt der Schleier und mit ihm die Angst vor den Sittenwächtern der Mullahs. Hier ist das Leben bunt und rebellisch. Hier ist Platz für Sehnsüchte und Träume. Hier tut sich eine Welt auf, die weitaus spannender ist als die alten Steinmauern persischer Paläste.

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Autor (Quelle: Piper)

Stephan Orth, Jahrgang 1979, studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Seit 2008 arbeitet er als Redakteur im Reiseressort bei SPIEGEL ONLINE. Für seine Reportagen wurde Orth mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet. Er ist Autor des Nr.1-Bestsellers »Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt«. Im März 2015 erschien sein zweites Buch bei Malik: »Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen«.

Fakten (E-Book)

240 Seiten , WMEPUB
Mit 48 Farbfotos, 35 Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer Karte
ISBN: 978-3-492-97016-7

  1. Thomas Frank

    Hallo Anja,
    der Titel und deine Beschreibung klingen echt interessant, zumal über Menschen und Sitten in Ländern wie den IRAN wenig oder nur viel Falsches bekannt ist.
    Wo kann ich das Buch beziehen, direkt beim Verlag? Lieben Dank für deine kurze Info!!!

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